Ick, Dette, Kieke Ma: Der unverwüstliche Berliner Slang der 80er

Ick, Dette, Kieke Ma: Der unverwüstliche Berliner Slang der 80er
Abstract:

Tauche ein in die raue, herzliche Welt der Berliner Sprache und des Slangs der 80er! Dieses Jahrzehnt war geprägt von der Teilung, aber auch von einer pulsierenden Subkultur. Erfahre, wie Wörter wie „JWD“, „knorke“ und „Atze“ den Alltag im geteilten Berlin widerspiegelten. Wir beleuchten die sprachlichen Eigenheiten – vom „j“ statt „g“ bis zur Grammatik – und zeigen, wie Künstler und die Straße diesen einzigartigen, unverwüstlichen Berliner Code prägten. Ein narrativer Streifzug durch das Vokabular der „Schnauze mit Herz“.

Die Luft knisterte, nicht nur wegen der drückenden Mauer, sondern auch wegen der Energie, die durch die Straßen Kreuzbergs und Prenzlauer Bergs fegte. Es war ein Jahrzehnt der Gegensätze, der Neonlichter im Westen und des Grauens im Osten, aber vor allem: Es war das Jahrzehnt, in dem die Berliner Sprache und der Slang der 80er ihren ganz eigenen, unverwechselbaren Rhythmus fanden. Stell dir vor, du stehst an der Ecke Kottbusser Tor, die Schulter an einer kalten Backsteinwand, und hörst zwei Typen zoffen sich. Einer sagt zum anderen, er sei „völlich behämmert“ – und meint das nicht als Beleidigung, sondern als Feststellung purer, vielleicht sogar bewundernswerter Verrücktheit. Das war Berlin, und die Sprache war der Soundtrack dazu.

Die 80er waren eine Zeit, in der die Stadt unter dem Stiefel der Teilung ächzte, aber gerade deshalb blühte die Subkultur auf. Ob im SO36, dem pulsierenden Herzschlag von Punk und Subkultur in Kreuzberg [https://berlin-80er-radio.de/so36-der-pulsierende-herzschlag-von-punk-und-subkultur-in-kreuzberg/], wo die Sprache rau und direkt war, oder im Osten, wo man sich hinter den Kulissen des Palastes der Republik mit einem „Allet in Budda!“ verständigte, um die Fassade der Normalität aufrechtzuerhalten – die Wörter waren Waffen, Schutzschilde und Ausdruck purer Lebenslust.

Die „Schnauze mit Herz“ im Neonlicht

Der Berliner Dialekt, der sprachwissenschaftlich oft als Metrolekt beschrieben wird, erlebte in den 80ern eine Renaissance der Coolness. Er war nicht mehr nur das Geplapper der „einfachen Leute“, sondern das Erkennungszeichen der Szene. Wer „ick“ statt „ich“ sagte, wer das „g“ konsequent zum „j“ machte – wie in „jut“ für gut – der gehörte dazu. Es war ein Code, der die Zugehörigkeit signalisierte, ein akustisches Statement gegen die steife Hochsprache der Verwaltung und des Establishments. Gerade im geteilten Berlin, wo die Welten oft nur durch einen Betonstreifen getrennt waren, wurde die Sprache zur Identitätsstiftung.

In den verrauchten Hinterzimmern der West-Berliner Bohème, wo man über Synthie-Pop aus den Hansa-Studios [https://berlin-80er-radio.de/berlins-echo-wie-depeche-mode-in-den-hansa-studios-den-synthie-sound-der-80er-neu-erfanden/] sinnierte, hörte man plötzlich Anglizismen, die sich mit urberlinerischen Vokabeln vermischten. Ein „dufte“ Erlebnis war alles, was zählte. Wenn etwas wirklich grandios war, dann war es „pyramidabel“ – ein Wort, das die grenzenlose Energie der Zeit einfing. Und wenn man sich vor etwas fürchtete, hatte man „Bammel“. Diese Mischung aus altem Berliner Vokabular und dem neuen, schnellen Lebensgefühl machte den Slang der 80er so einzigartig.

Die Mauer im Vokabular: Ost trifft West-Slang

Die Teilung Berlins manifestierte sich auch im Sprachgebrauch. Im Westen war der Einfluss des Englischen und der internationalen Popkultur stärker, während im Osten die Sprache oft konservativer war, aber unter der Oberfläche brodelte. Ein Ost-Berliner, der es wagte, sich im Westen zu äußern, musste aufpassen, dass seine „Kodderschnauze“ nicht als zu derb empfunden wurde. Die Berliner Sprache und der Slang der 80er waren somit keine monolithische Einheit, sondern ein Flickenteppich aus zwei unterschiedlichen Realitäten, die sich an den Hotspots der Begegnung – den Grenzübergängen oder in der Subkultur – vermischten.

Ein typisches Phänomen war die Verkürzung und Verschleifung. Aus „ganz weit draußen“ wurde das legendäre „JWD“, das perfekt die Distanz zum Zentrum beschrieb, sei es geografisch oder mental. Im Osten, wo die Versorgungslage manchmal prekär war, konnte man über „Fressalien“ sprechen, die man sich mühsam „koofte“. Die Sprache war pragmatisch, aber immer mit einem Augenzwinkern. Die Grammatik blieb dabei oft dem alten Berlinerischen treu, etwa die Verwendung von „mir“ statt „mich“ im Akkusativ. Wenn jemand sagte: „Wenn de mir nich lieben tust, lieb ick mir alleene“, dann war das nicht nur ein grammatikalischer Fehler, sondern ein kulturelles Statement der Unangepasstheit.

Die Helden der Mundart: Von Zille bis Die Ärzte

Um die Berliner Sprache und den Slang der 80er wirklich zu verstehen, muss man die Protagonisten kennen, die diese Sprache lebten und formten. Man denke an die DDR-Bands [https://berlin-80er-radio.de/ddr-berlin-bands/], die mit ihren Texten zwischen den Zeilen spielten, oder an die West-Punkbands wie Die Ärzte, die den Slang in ihre Texte einwebten. Der Song „Die Allerschürfste“ von Die Ärzte aus den 90ern zitiert noch deutlich die 80er-Sprachmelodie mit Zeilen wie „biste aba nich“. Diese Künstler nahmen die Sprache aus den Kiezen und katapultierten sie auf die Bühne, wo sie als authentisch gefeiert wurde.

Die alten Meister wie Heinrich Zille hatten schon vor Jahrzehnten die „Berliner Schnauze“ verewigt, aber in den 80ern erhielt sie einen neuen, rebellischen Anstrich. Die Sprache wurde schneller, härter, aber die Herzlichkeit blieb. Ein „Atze“ war der beste Freund, dem man auch mal was „einrühr’n“ konnte, ohne dass die Freundschaft zerbrach. Wenn man etwas nicht glauben konnte, tönte es: „Dakannawonniwasein“ – ein Wortungeheuer, das die Ungläubigkeit perfekt einfing. Diese sprachlichen Gebilde waren nicht nur Worte, sie waren kleine Happen Lebensgefühl, destilliert aus dem Alltag zwischen Spandau und Marzahn.

Die Klangfarbe der Berliner 80er: J statt G und das Ende der Diphthonge

Was die Berliner Sprache und den Slang der 80er akustisch so unverwechselbar machte, waren die Lautverschiebungen. Das „j“ anstelle des „g“ war omnipräsent: „Jips“ statt Gips. Oder die Umwandlung von Diphthongen: „ei“ wurde zu einem langen „ee“. Wer „een“ sagte, war sofort als Berliner oder Brandenburger identifizierbar. Diese akustischen Eigenheiten waren die unsichtbaren Mauern, die die Stadtteile voneinander trennten, selbst wenn die Mauer physisch fiel. Es war der Klang der Straße, der sich gegen die Glätte des Standarddeutschen stemmte. Und wenn man etwas als besonders gut empfand, war es „knorke“ – ein Begriff, der die Leichtigkeit des Seins im Angesicht der politischen Schwere einfing.

Die Floskeln: Mehr als nur Füllwörter

Ein wesentlicher Bestandteil des 80er-Slangs waren die Satzendfloskeln. Sie dienten dazu, die Aussage zu bekräftigen oder den Gesprächspartner einzubinden. Das berühmte „wa?“, das „nicht wahr?“ ersetzt, war der soziale Klebstoff. „Is aba warm heute, wa?“. Oder „weeste?“, um sicherzustellen, dass der andere auch wirklich verstanden hat. Diese rhetorischen Fragen waren keine echten Fragen, sondern Aufforderungen zur stillschweigenden Übereinkunft. Sie schufen eine sofortige, intime Ebene, die typisch für die Berliner Mentalität ist: Man kommt schnell zur Sache, aber man lässt den anderen nicht im Regen stehen. Selbst wenn man jemanden als „Flitzpiepe“ bezeichnete, folgte oft ein „Allet in Budda!“ oder zumindest die implizite Gewissheit, dass man sich trotzdem auf diesen „Atze“ verlassen konnte. Die Berliner Sprache und der Slang der 80er waren somit ein Spiegelbild der komplexen, oft widersprüchlichen Berliner Seele: ruppig, aber herzlich, zynisch, aber lebensbejahend.

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Der Lifestyle in den Wörtern: Von der Bude bis zur Penunse

Der Lifestyle der 80er in Berlin war oft von Improvisation und dem Kampf um Raum geprägt. Das spiegelte sich direkt im Wortschatz wider. Eine kleine, vielleicht etwas heruntergekommene Wohnung war eine „Buchte“ oder, wenn sie „vakoddert“ war, wirklich im Eimer. Geld war oft knapp, daher die saloppe Bezeichnung „Penunse“. Gleichzeitig gab es den Drang nach dem Besonderen, dem „schniecken“ Auftritt, selbst wenn man nur mit dem Bus fuhr. Die „Glotze“ (Fernseher) war das Zentrum der Unterhaltung, aber die wahre Kultur spielte sich draußen ab, in den Clubs, den besetzten Häusern und den Hinterhöfen. Die Sprache war der Schlüssel zu diesen verborgenen Welten, ein Insider-Wissen, das die „Eingeborenen“ von den „Zuagroasten“ unterschied. Wer die „letzten“ (Ideen) hatte oder wusste, wo es die beste „Brühpulla“ gab, der hatte den Code geknackt. Die Berliner Sprache und der Slang der 80er waren eben mehr als nur Worte – sie waren ein Lebensstil, der sich gegen die Enge der Zeit auflehnte und dabei eine unglaubliche Kreativität freisetzte.

FAQ

Was bedeutet „JWD“ im Berliner Slang der 80er?

„JWD“ ist die Abkürzung für „janz weit draußen“ (ganz weit draußen) und beschreibt Orte, die sich außerhalb des eigentlichen Zentrums Berlins befinden.

Welche sprachliche Besonderheit ist typisch für das Berlinerische dieser Zeit?

Eine sehr auffällige Lautverschiebung ist der Ersatz des hochdeutschen „g“ durch ein „j“ (z.B. „jut“ statt gut) sowie die Umwandlung von Diphthongen wie „ei“ zu einem langen „ee“ (z.B. „een“ statt ein).

Was war ein „Atze“ in der Berliner Umgangssprache der 80er?

Ein „Atze“ bezeichnete eine gut befreundete Person, oft ein enger Freund, vergleichbar mit dem Begriff „Kumpel“.

Wie spiegelte der Slang den geteilten Alltag wider?

Der Slang spiegelte die Gegensätze wider: Im Westen mischten sich Anglizismen und Szenewörter wie „dufte“ oder „knorke“ in die Sprache, während im Osten pragmatische Ausdrücke für den Alltag wie „Fressalien“ oder die Beibehaltung alter grammatikalischer Formen (z.B. „mir“ statt „mich“) vorherrschten.